Wenn alte Autos überleben sollen – Teil 1

Konservieren/Erhalten/Restaurieren

  • Wir danken für die Genehmigung zur Veröffentlichung Martin Schröder
  • Mit Fotos von : Martin Schröder, (16) – Ford, (3) – Zwischengas, (1) – Jörg Pielmann, (1) – Martin Schröder.JPG, (1) – Bonhams, (1) – BMW Archiv, (1) – TMW-APA-Preis, (1) – G. Kräutel-Hofer, (1) – Louis Klemantaski, (1) – Archiv Simons, (1) – Archiv Zwischengas, (1) – Kirchberg, (1) – Dt. Museum, (1) – Eberhard Kittler, (1) – Repro Zwischengas
  • Hinweis, die Bilder können als zahlendes Mitglied bei www.zwischengas.com auch in großer Auflösung angesehen werden!

Ein Blick in die Ausstellung „Schlafende Schönheiten“ 2013 in Kassel führt uns mitten in das Thema der Bestandsaufnahme „Konservieren, Erhalten, Restaurieren“. Diese Ausstellung, initiiert und realisiert von Heinz Jordan, Dietrich Krahn und Schlumpf-Kurator Richard Keller zeigte die gesamte Bandbreite des Themas vom gut bis sehr gut erhaltenen Oldtimer bis zum reinen statischen Artefakt, das einmal ein Automobil war.


Ausstellung Schlafende Schönheiten in Kassel 2013 aus dem Depot des Schlumpf-Museums © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Martin Schröder hat es unternommen, dieses weite Feld einer Bestandsaufnahme zu unterziehen, die die Zwischengas-Leser zu breiter, auch konträrer Diskussion anregen möge.

Als im Jahr 2013 in Goodwood der ex-Fangio W196 Grand Prix-Mercedes für 22,6 Millionen € versteigerte wurde, war in der Presse zu lesen, damit erreiche das Automobil, was den Marktwert angehe, langsam den Kunstbereich. Beim Pebble Beach Concours wurde ein Symposium unter das Motto gestellt: “When Does a Car Become too Valuable to Drive?“

Mercedes W196 ex-Fangio (2013) – wurde in Goodwood für den Rekordpreis von € 22.6 Mio versteigert © Copyright / Fotograf: Bonhams

Dieser Rekordpreis ist inzwischen bereits Geschichte, er hat aber dazu geführt, dem „alten Auto”, in Deutschland als „Oldtimer“ bezeichnet, einen Status weg vom reinen Fortbewegungsmittel hin zu einem Kunst- und Kulturobjekt zu verleihen.

Inzwischen gibt es Websites, die das Wort „Kultur“ im Zusammenhang mit Automobil im Titel führen, es gibt den Parlamentskreis Automobiles Kulturgut, ja es gibt sogar den Verein „Initiative Automobile Kultur e.V.“ (www.iak-ev.de), vertreten durch den Bundestagsabgeordneten Carsten Müller, der die Aufnahme der „Automobilen Kultur“ in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes und letztlich als UNESCO Weltkulturerbe betreibt.

Ralph Laurens Automobilsammlung war 2011 in einem Pariser Museum ausgestellt. Am 29. September diesen Jahres eröffnet im Kulturpalast Düsseldorf die Ausstellung „Driven by Design“, in der automobile Objekte der 50er bis 70er Jahre präsentiert werden sollen. Man darf gespannt sein.

Nach so viel Kunst und Kultur nun zunächst einmal eine Klarstellung der Begriffe: In der Kunst unterscheidet man zwischen „angewandter“ und „freier“ Kunst. Die exorbitanten Preise, neben denen die für Oldtimer bescheiden zu nennen sind, werden ausschliesslich für Werke der freien Kunst erzielt, wie kürzlich die 381 Mio € für Leonardos Salvator Mundi. Das Automobil und hier insbesondere die Karosserieform des Mercedes 300 SL Coupés (Flügeltürer) wird beispielsweise im Urteil des Landgerichts Stuttgart als „Werk der angewandten Kunst“ definiert. (Az. 17 O 304/10, Urteil vom 9. Dezember 2010, rechtskräftig nach Berufungsrücknahme.)

Cisitalia 202 (1946) – Werksfoto © Copyright / Fotograf: Archiv Zwischengas

Wir reden also beim Automobil allenfalls von „angewandter“ Kunst. Im angelsächsischen Bereich macht man diesen Unterschied nicht ganz so scharf, hat doch das Museum of Modern Art in New York bereits im Jahr 1951 den Cisitalia 202 – ein zu der Zeit fünf Jahre altes Automobil – als Kunstobjekt in seinen Bestand aufgenommen. Und das expressis verbis wegen seiner damals revolutionären Karosserieform.

Auto Union Typ D (1939) – Komplexe Technik – höchste Ästhetik, die Hirth Rollenlagerwelle © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Wenn wir ein Automobil ansehen, dann ist es primär die Karosserieform, die uns in vielen Facetten als angenehm bis aggressiv ins Auge springt, der Adjektive sind viele. Darüber hinaus gibt es natürlich weitere Details des hochkomplexen Konstrukts Automobil, denen man im Rückblick das Prädikat Kunst geben kann, auch wenn der Konstrukteur nicht unbedingt in dieser Richtung gedacht hat. Als Beispiele sei die Rollenlagerwelle nach Albert Hirth im 12 Zylinder Auto Union genannt oder Art Deco-Elemente im Cockpit eines Bugatti Typ 57. Die Reihe liesse sich fortsetzen.

Bugatti Typ 57 Ventoux (1935) – Art Deco in Reinkultur – Interieur eines unrestaurierten Bugatti © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Nun bedarf das „immaterielle Kulturgut“ natürlich eines materiellen Unterbaus, in unserem Fall also alter Autos, die die Basis bilden. Und hier kommen nun Gesetzgeber und definierende Institutionen wie öffentliche und private Museen, Clubs oder, last but not least, die FIVA ins Spiel. Der Gesetzgeber definiert den Oldtimer in Deutschland als ein 30 Jahre altes Auto, das sich in einem gut erhaltenen, fahrbereiten Zustand befindet. Nach dieser Definition wird also der auf der Bremen Classic Motorshow gezeigte, unrestaurierte ex- Manfred von Brauchitsch Karmann Ghia nicht in diese Kategorie fallen.

VW Karmann Ghia (1959) – Zustand 4, zugelassen am 29. April 1959 für Manfred von Brauchitsch © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Um die Schwierigkeit von Definitionen in diesem Bereich zu verdeutlichen, hier ein Foto des von BMW auf einem angeblich originalen Chassis neu aufgebauten Kamm Coupés, das 1940 bei der Mille Miglia eingesetzt wurde. Ein neues Auto mit H-Kennzeichen, trotzdem als 30 Jahre oder älter anerkannt. Die Anfrage bei BMW blieb unbeantwortet. Antwort eines Classic Data Gutachters auf die Frage, wie das möglich sei: „Die kannten wohl einen.“

BMW 328 Kamm Coupé (1940) – bei der Mille Miglia 1940 © Copyright / Fotograf: BMW Archiv

Kommen wir zur FIVA als der internationalen Oldtimer-Organisation, die in der Charta von Turin den Versuch einer Definition der im Titel dieser Untersuchung genannten Begriffe „Konservieren, Erhalten, Restaurieren“ versucht hat. Hier nachzulesen.

BMW 328 Kamm Coupé (1940) – Kompletter Neubau des Coupés aber mit H-Kennzeichen bei der modernen Rallye Patagonia © Copyright / Fotograf: Zwischengas

Welche Probleme und endlosen Diskussionen nötig waren, um zu diesen Kompromissdefinitionen zu kommen, geht aus dem kürzlich bei Hemmings veröffentlichten Interview mit dem FIVA-Präsidenten Patrick Rollet hervor.
Nachzulesen unter dem vielsagenden Titel „You don’t touch Culture“ .

Lassen sie mich einen Satz aus dem Interview zitieren, um die Problematik zu verdeutlichen: „Sometimes we have hot debates, such as on authenticity, which is an endless debate. We have the ayatollahs on one side and the ultra- liberals on the other side of what we consider historic.”

In Philadelphia lebt und arbeitet der Neurochirurg Frederic Simeone, Gründer und Eigentümer des Simeone Foundation Automotive Museum, in dem neben vielen automobilhistorisch bedeutenden Exponaten das unrestaurierte Cobra Daytona Coupé von 1964 gezeigt wird, das den Ferrari 250 GTO besiegt und 1964 die Markenweltmeisterschaft gewonnen hat. Wie auf dem Foto zu sehen, ist der Wagen nach Classic Data Bewertung als Zustand 4 zu bezeichnen. Gleichzeitig ist er aber das erste von der Historic Vehicle Association (HVA) in das National Historic Vehicle Register aufgenommene Fahrzeug. Soviel zur Bedeutung des Zustands und der Zustandsnoten.

Cobra Daytona Coupè (1964) – unrestauriert im Simeone Foundation Automotive Museum in Philadelphia – das erste ins National Historic Vehicle Register aufgenommene Automobil © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Im Gegensatz zu den Ausführungen der Charta von Turin hat die HVA vier klar definierte Kriterien, nach denen ein Fahrzeug in das Register aufgenommen werden kann, die es wert sind, hier zitiert zu werden:

  1. A vehicle associated with an event or events that are important in automotive or American history.
 Ein Fahrzeug, das mit historisch wichtigen Ereignissen in Verbindung steht.
  2. A vehicle associated with the lives of significant persons in automotive or American history.
 Ein Fahrzeug, das mit bedeutenden Personen der Automobilgeschichte im Zusammenhang steht.
  3. A vehicle that is distinctive based on design, engineering, craftsmanship or aesthetic value.
 Ein Fahrzeug von herausragender Bedeutung in Konstruktion, Ingenieurleistung oder Ästhetik des Erscheinungsbildes.
  4. A vehicle of a particular type that was the first or last produced, has an element of rarity as a survivor of its type, or is among the most well- preserved or thoughtfully restored surviving examples.
 Aufgenommen werden können erstes oder letztes gebautes Fahrzeug eines Typs, spezielle Überlebende einer Baureihe oder ein besonders gut erhaltenes oder auch mit Bedacht restauriertes Exemplar.

Als die FIVA 2016 dem Peugeot CD von 1966 den Preservation Award verlieh, habe ich dort nach den Kriterien gefragt und nach vielen unbeantwortet gebliebenen Mails und letztlich mit Hilfe des ADAC vom Senior Vice Präsidenten, nachdem ich auf die vier US-Kriterien hingewiesen hatte, die Antwort bekommen: „So machen wir das auch.“

Wie wir bis zu diesem Punkt meiner Untersuchung sehen, ist also alles sehr schwammig, was als historisch wertvoll und kulturell bedeutend im Automobilbereich zu bezeichnen sei. Und das führt uns zurück zu dem oben genannten Frederic Simeone, der vor einigen Jahren das Buch „The Stewardship of Historically Important Automobiles“ herausgegeben hat, und im Titel festlegt, dass es um die Verantwortung für historisch bedeutende Automobile geht.

The Stewardship of Historically Important Automobiles Hrsg. Simeone Automotive Foundation ISNB 978-0988273306 zu bez. über Amazon © Copyright / Fotograf: 

Simeone gibt damit dem Eigentümer eines historischen Automobils die Verantwortung für die Entscheidung, was er mit seinem Eigentum macht im Sinne von: „Eigentum verpflichtet“.

Sehen wir uns nun einige Beispiele für die im Titel genannten Begriffe an, verbunden mit dem Hinweis, dass diese nicht separat stehen, sondern ineinander übergehen.

Konservieren

Sokol 650 (1976) – Einer von zwei gebauten Awtowelo 650 – besser bekannt als Sokol 650 © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

In der DDR wurde 1949/50 unter der Bezeichnung Awtowelo 650 – heute besser bekannt als Sokol 650 – ein Rennwagen für die 1952-53 gültige Formel 2 konstruiert. Zwei Exemplare wurden fertiggestellt, allerdings zu spät, um überhaupt noch in einem Rennen eingesetzt zu werden.

1976 erschien in der Automobil Chronik unter dem Kürzel K.D. ein Artikel mit dem Titel „Der Auto Union Rennwagen, den keiner kennt“. Der Autor dieser Untersuchung war elektrisiert, nahm Kontakt mit dem Besitzer auf und nutzte die Reisemöglichkeit zur Leipziger Messe zu einem Besuch und machte die Fotos oben und unten.

Sokol 650 (1950) – Auto Union Elemente – Vorderachse querliegende Drehstäbe, Seitentanks, 12-Zylinder Mittelmotor, De-Dion Hinterachse mit längsliegenden Drehstäben © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Die Auto Union-Verwandtschaft ist unverkennbar: Vorderachse, Seitentanks, Mittelmotor. Dass es sich allerdings nicht um den sagenumwobenen 1,5 ltr. Auto Union-Motor handelt, macht allein schon das Fehlen des Kompressors deutlich.

Trotzdem wurde dieses Rolling Chassis von der DDR-Firma Interport zwecks Devisenbeschaffung im Folgejahr als „1,5 ltr. Auto Union“ an Tom Wheatcroft verkauft, der es mit einer neu angefertigten Karosserie in der „Donington Collection of Single Seater Racing Cars“ als eben den „1,5 ltr. Auto Union“ ausstellte und 2001 bei einem Treffen historischer Rennwagen auf der Donington Rennstrecke fahren liess. Auch die Auto Union Ringe fehlten nicht. In der angelsächsischen Fachpresse erschien ein Artikel von Eion Young unter dem Ttel „The Mystery Auto Union that Appeared in the West.“

Sokol 650 (1950) – auf Demonstrationsfahrt in Donington im Jahr 2001 als “Auto Union 1.5 Liter” © Copyright / Fotograf: Eberhard Kittler

Das zweite gebaute Exemplar befand sich in der Kustodie der Universität Dresden und war zu DDR-Zeiten bei einem Dresdner Oldtimerfreund ausgelagert. Nach der Wende kamen die Teile ins Industriemuseum Chemnitz und wurden von einer Hochschulgruppe als Rolling Chassis wiederhergestellt Es soll nach konservatorischen Richtlinien im derzeitigen Zustand verbleiben, also nicht funktions- oder fahrbereit gemacht werden.

Sokol 650 (1950) – So haben der in zwei Teile zerschnittene Rahmen und die übrigen Komponenten im Keller eines Oldtimerfreunds in Dresden die DDR-Jahre überstanden © Copyright / Fotograf: Kirchberg

Konservieren heisst also nicht in jedem Fall, ein Objekt so abzustellen, wie es aufgefunden wurde. Im Fall des Sokol wurde aus der Ersatzteilesammlung und dem in zwei Teile zerschnittenen Chassis ein Rolling Chassis gemacht, bei dem die mittels 3-D Druck neu angefertigten Teile erkennbar bleiben.

Sokol 650 (1950) – 2008 kam das Konvolut ins Industriemuseum Chemnitz und wurde von einer Hochschulgruppe … © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Das am Kapitelanfang gezeigte Rolling Chassis hat in England eine neue Karosserie bekommen, wurde in Donington fahrend präsentiert und befindet sich heute im PS.Speicher Einbeck. Das Buch: „Der Typ 650“ herausgegeben von Peter Kirchberg, erzählt die Geschichte des Wagens, ISBN 978-3-7688- 3876-4 zu beziehen über Amazon.

Sokol 650 (1950) – … als statisches Ausstellungsobjekt hergerichtet. Die Fehlteile wurden in 3D-Druck hergestellt und erscheinen weiss © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Ein anderes Beispiel für Konservieren ist der nach dem letzten Einsatz im Bugatti-Werk abgestellte Bugatti Tank aus den 20er Jahren, den der Fotograf Louis Klemantaski im Jahr 1941 ebendort angetroffen und im Bild festgehalten hat.

Bugatti Tank (1923) – fotografiert 1941 im Bugatti-Werk © Copyright / Fotograf: Louis Klemantaski

Wie auf dem nächsten Foto gut zu erkennen ist, befindet sich der Wagen im Jahr 2017 auf Schloss Dyck noch immer im selben Zustand.

Bugatti Tank (1923) – dasselbe Auto im identischen Zustand 73 Jahre später auf Schloss Dyck © Copyright / Fotograf: Jörg Pielmann

Koenig-Fachsenfeld BMW 328 mit Wendler-Karosserie

Im Deutschen Museum München befindet sich seit 1977 oder 1978 das von Reinhard-Koenig-Fachsenfeld entworfene, von Wendler in Reutlingen gebaute BMW 328 Coupé, das nach konservatorischen Gesichtspunkten aufbereitet werden soll. Nach Auskunft der Restauratorin Annemie Danz sollen die Karosserie und vor allem die diversen Lackierungen einer genauen Untersuchung unterzogen werden, der Wagen soll jedoch nicht fahrbereit gemacht werden.

Interessant ist die Vorgeschichte. Der Erstbesitzer war der deutsche Industrielle und Wintershall-Direktor Dr. Heinz-Rosterg, der den Wagen 1938 bei der Karosseriewerkstatt Erhard Wendler in Auftrag gegeben hatte. Den Krieg überstand der Wagen in einer Scheune in der Nähe von Attendorn (Sauerland), von wo er nach Kriegsende von zwei inzwischen identifizierten, ehemaligen französischen Zwangsarbeitern mitgenommen wurde. 1947 taucht er bei der Wiedereröffnung der Rennstrecke Montlhery als Schulungswagen mit Funkausstattung auf.

BMW 328 Wendler Coupé (1938) – in den 50er Jahren mit Funk als Trainingsfahrzeug vor der Rennfahrerschule in Monthlhery © Copyright / Fotograf: Archiv Simons

Über den französischen Karossier Charbonneaux gelangte er in den Besitz von Pierre Dellière vom Musée Automobil de Provence. Dieser M. Dellière nahm den Wagen 1976 mit zur Retromobile, wo ihn der Autor dieser Zeilen fotografiert und einem bedeutenden BMW-Sammler aus Nürnberg telefonisch angeboten hat. „Anzahlen und kaufen“ war die Devise. Gesagt getan: Dolmetscher, Preisverhandlung, Anzahlung mit Quittung. Wieder zu Hause, der Anruf von M. Dellière, aus dem die Worte „voiture de collection“ und „no permis d’exportation“ herauszuhören waren. Also keine Exportgenehmigung. Den BMW-Sammler informiert, die Anzahlung zurückerhalten und die Sache ad acta gelegt.

BMW 328 Wendler Coupé (1938) – auf dem Stand des Musée Automobil de Provence auf der Retromobile 1978 © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Etwa ein Jahr später der Anruf vom Restaurator des Deutschen Museum, Herrn Schweiger, mit der Meldung, der Wagen sei soeben im Museum eingetroffen. Auf die Frage, wie das Museum das hinbekommen habe, kam die Andeutung: „Franz-Josef Strauss“! Heute wird kolportiert, dass auch Genscher involviert gewesen sei. Auf jeden Fall hat „die Politik“ geholfen, ein wichtiges automobiles Kulturgut zurück nach Deutschland zu holen. Inzwischen hat der Sohn Fred Rosterg Besitzansprüche im Sinne von Restitution angemeldet. Man darf gespannt sein.

BMW 328 Wendler Coupé (1938) – Die Fotos aus der Broschüre des Dt. Museums zeigen den Wagen im Originalzustand 1938 (unten) und im derzeitigen Zustand (oben) © Copyright / Fotograf: Dt. Museum
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Alban Berg und sein Ford A

Der österreichische Komponist Alban Berg (1885-1935) gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Wiener Schule“ und entwickelte als Schüler Schönbergs dessen Konzept der Zwölftonmusik weiter. Sein wichtigstes Werk ist die Oper „Wozzeck“, die am 14. Dezember 1925 in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin uraufgeführt wurde.

Und diese Oper war so erfolgreich, dass sich Alban Berg von den sprudelnden Tantiemen 1931 einen Ford A bestellen konnte, zu dem er ein recht persönliches Verhältnis entwickelte und den er in Briefen und Tagebuchaufzeichnungen anerkennend als blauen Vogel, manchmal geradezu liebevoll als „Auterl“ erwähnte.

Ford A (1931) – So hat Alban Bergs Ford A nach 70 Jahren in der Garage überlebt © Copyright / Fotograf: G. Kräutel-Hofer

1935 starb Alban Berg und seine Witwe Helene stellte den Wagen in der Garage beim Landhaus ab. Dort stand er bis vor einigen Jahren, als die Alban- Berg-Stiftung mit dem Technischen Museum Wien in Kontakt trat. Gemeinsam überlegte man, was mit dem über 70 Jahre unberührt garagierten Wagen zu tun sei. Die Entscheidung lautete: Den Zustand dokumentieren, notwendige Karosserie- und Interieurarbeiten ausführen, ihn technisch fahrbar machen und einen kleinen Dokumentarfilm und ein Buch produzieren.

Der Wagen stand zwar – wie man landläufig sagt „gut und trocken“ in der Garage, der Zahn der Zeit hatte nichtsdestotrotz seine Spuren hinterlassen und aus dem „Zum-Laufen-bringen“ ist eine volle Restauration mit dem Ziel „Erhaltung der Substanz“ geworden.

Alban Berg und der Blaue Vogerl Hrsg Axel Wolf © Copyright / Fotograf: Repro Zwischengas

Die nächsten Schritte waren die als reversibel beschriebenen Konservierungsmassnahmen des Museums-Restaurators – siehe dazu den Artikel „Konservieren bringt nichts“ von Thomas Wirth in Autobild Klassik 1/2018. Die Zukunft wird zeigen, ob die heutigen Konservierungsmaterialien besser sind als die vor 40 Jahren. Das ganze Procedere mit Alban Bergs „Blauem Vogel“ ist in dem von Axel Wolf herausgegebenen Buch gleichen Titels festgehalten, das mit einer erstaunlichen Anzahl historischer Dokumente besticht. (ISBN 978 3 200 0516 1)

Um dem Wagen eine angemessene Präsentation zu verleihen und dem Publikum des Wiener Technischen Museums einen Eindruck vom Werk Alban Bergs zu vermitteln, präsentiert sich sein „Blauer Vogel“ in weitgehend originalem, besser: authentischem Zustand in einem auf Automobildimensionen vergrösserten Geigenkasten mit zwei Sitzplätzen, auf denen sich Interessierte kurze Musikstücke von Alban Berg anhören können.

Wien.

Ford A (1931) – Alban Bergs Ford A präsentiert sich im Technischen Museum in Wien in einem überdimensionerten Geigenkasten © Copyright / Fotograf: TMW-APA-Preis

Damit ist der Ford A durch einen bedeutenden Protagonisten der freien Kunst und die geschilderten Massnahmen zu einem Museumsartefakt geworden, das die Verbindung zur angewandten Kunst herstellt. Seit dem 25.5.2016 ist die Installation in einer Sonderschau im Technischen Museum Wien zu besichtigen.

Kölner Automobilgeschichte

Köln war die Wirkungsstätte von Nikolaus Otto, der mit seinem bei der Firma Deutz entwickelten 4-Takt-Motor die Voraussetzung sowohl für Carl Benz‘ Motorwagen von 1886 als auch für Gottlieb Daimlers Einbaumotoren und später Motorräder und Automobile geschaffen hat. Ein Otto- oder Deutz- Museum gibt es bis heute leider nicht. Immerhin gibt es die Technische Hochschule Köln, die in einem „interdisziplinären Forschungsprojekt aus Restauratoren und Fahrzeugtechnikern neue Vorgehensweisen zur Bewahrung des automobilen Kulturguts” erforschen lassen möchte.

Priamus Typ A Nr. 125 der Kölner Motorenwerke (1901) – © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Als Forschungsobjekt dient das in Köln bei der Firma Kölner Motorenfabrik entstandene Fahrzeug Priamus mit der Typenbezeichnung „A“ und der Seriennummer 125, das sich in einem recht passablen Zustand erhalten hat.

Priamus Typ A (1901) – Typenschild mit allen wichtigen Angaben einschliesslich der Patentnummer © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Die Vorgabe für die konservatorischen Tätigkeiten sind so definiert: „Die Wahrung des Authentischen, Historischen steht hier vor der Rekonstruktion eines interpretierten Ursprungszustands.“ Der Verantwortliche für dieses langfristige Projekt ist Philip Mandrys, der freundlich darauf hingewiesen hat, dass Sponsoren für das Projekt willkommen sind.

Ford “Berliner”

Ford “Berliner” (1968) – Studie eines Elektro-Stadtwagens a la Smart © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Der Idealfall für eine Konservierung ist bekanntlich das nach der ersten Präsentation im Museum aufbewahrte Exemplar eines Autos. Das kommt natürlich recht selten vor, sollen Automobile in der Regel doch verkauft werden, und das in Stückzahlen – von der Kleinserie bis zum Käfer- oder Golfvolumen.

Die Firma Ford in Köln war in der Vergangenheit immer mal gut für eine Überraschung, mit der sich positive PR machen liess: sei es der 12 M, mit dem der Dauertest mit der Entfernung zum Mond unternommen wurde, sei es die „Badewanne“ oder der Capri, der es zu Rennerfolgen gebracht hat.

1968, also vor nun 50 Jahren brachte Ford Köln ein voll elektrisch angetriebenes Stadtauto heraus, das mit grosser Presse angekündigt wurde und zu dessen Präsentation der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller nicht nur eingeladen wurde. Nein, er erschien sogar und liess es sich nicht nehmen, in den als Ford „Berliner“ bezeichneten Wagen einzusteigen.

Ford “Berliner” (1968) – Präsentation der elektrischen Ford-Studie, im Wagen der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller © Copyright / Fotograf: Ford

Wenn wir uns die Karosserieform nun etwas genauer ansehen, dann ist die Ähnlichkeit zum Smart unverkennbar, eine Ähnlichkeit, die durch die noch heute aktuelle Anforderung nach geringem Platzbedarf auf Strasse und Parkraum entstanden ist. Interessant: In einer ZdF-Dokumentation „Richtung 2000“ von 1972 wurde der Ford Berliner als Teil eines innerstädtischen Carsharing-Prinzips vorgestellt – ein Vorgriff auf die derzeit viel diskutierte Sharing Economy. (Info Dt. Techn. Museum)

Ford “Berliner” (1968) – Pressefoto © Copyright / Fotograf: Ford

Im Pressetext von 1968 heisst es vorausschauend: „Der Berliner ist einer der Versuche zur Lösung des Problems der Verkehrszusammenballung in den Grossstädten. [ … ] Die Ingenieure beschäftigen sich nicht nur mit der äusseren Konzeption und dem Design der Autos der 70er und 80er Jahre, sondern auch mit neuen, unkonventionellen Antriebsarten.“ Daher der Elektroantrieb – mit den damals üblichen Bleibatterien!

Ford “Berliner” (1968) – die einzige Änderung seit der Präsentation – die Buchstaben sind durch das Ford-Logo ersetzt worden © Copyright / Fotograf: Martin Schröder.JPG

Der Wagen ist, was Karosserie und Interieur anbelangt, voll durchkonstruiert, weist eine Länge von 2,133 m und im Innenraum zwei Sitze vorn und zwei Kindersitze – Rücken an Rücken a la Zündapp Janus – oder einen kleinen Laderaum hinten auf.

Ford “Berliner” (1968) – Cockpit und Interieur © Copyright / Fotograf: Ford

Als ich dem in Süddeutschland lebenden Designer des Berliner, Hans A. Muth von der Existenz des Wagens berichtete, war er nicht wenig erstaunt, hatte die Pressemappe samt Fotos jedoch schnell zur Hand, schickte sie mir mit folgendem Kommentar: „Der „BERLINER“ ging zu dieser Zeit aus einem „FORD of EUROPE Project“ hervor und hatte einen aktuellen Stellenwert in der Bedeutung von Mobilität in den Grossstädten. Wir, das deutsche FORD-Design- Studio unter meiner Leitung als Design-Executive, gewannen das Project und erstellten danach dieses fahrbare 3D-Modell. Die Benennung „BERLINER“ war von Präsident Kennedys Bekenntnis ‚Ich bin ein Bärliner‘ inspiriert.“

Auto Union Rekordwagen (1937) – von Crosthwaite & Gardiner neu angefertigt © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

Audi besitzt die Rechte am Namen der 1949 aus dem Handelsregister Chemnitz gelöschten Auto Union AG und pflegt neben der Geschichte der vier Marken Audi, DKW, Horch und Wanderer auch die der Auto Union Rennabteilung und deren Fahrzeuge. Vom berühmten 16-Zylinder hat nur der als Typ C/D bezeichnete Bergrennwagen überlebt, der zusammen mit dem Neubau des Avus-Rennwagens als konservatorisches Exponat im museum mobile in Ingolstadt zu sehen ist. Die übrigen Auto Union Rennwagen werden zu Demonstrationsläufen eingesetzt – doch davon später.

Auto Union Typ C/D Bergrennwagen (1939) – gut zu erkennen der drehmomentstarke 16-Zylinder Motor im modernen Chassis des Typs D – früher Automobilmuseum Riga, jetzt im Audi museum mobile © Copyright / Fotograf: Martin Schröder

In einem zweiten Artikel wird dem “Konservieren” das “Erhalten” und “Restaurieren” gegenübergestellt, bleiben Sie gespannt…