Stromlinien

Bereits vor rund 100 Jahren haben sich die ersten Entwickler gedanken um den Luftwiderstand gemacht. Manche Kreation fußt dabei aber nur auf “gefühlten” Werten. Manche stilistische Entgleisung genauso wie Design-Ikonen sind aus dem Versuch, das strömungsgünstige Fahrzeug zu schaffen entstanden.

Am 24. Januar beginnt die Sonderausstellung „Stromlinie“ bei PROTOTYP mit einem Symposium zu den unterschiedlichsten Aspekten des „Kampfes gegen das unsichtbare Element“.
Die Exponate sind noch niemals zuvor in einer Ausstellung gezeigt worden und lohnen den Besuch schon deshalb. Als Hauptreferent konnte des ausgewiesene Aerodynamik-Experte und Autor zahlreicher Bücher zum Thema Design Ralf J. F. Kieselbach gewonnen werden.

Auch wenn sich die Ursprünge nicht akademisch genau datieren lassen: Noch vor dem Jahr 1910 – und damit vor rund 100 Jahren – begannen die ersten Forschungen zum Kampf gegen den Luftwiderstand im Automobilbau. In kleinen Werkstätten quer denkender Konstrukteure entstanden skurrile Formen, die von der Industrie belächelt wurden. Erst ab 1915, als der Luftfahrtpionier Hans Grade seinen windschlüpfigen Kleinwagen vorstellte, erwuchs die Aerodynamik im Fahrzeugbau allmählich zur seriösen Wissenschaft.
Mit dem Friedensvertrag von Versailles, der in Deutschland praktisch den Bau von Luftfahrzeugen verbot, kam es 1919 zum plötzlichen Talentstau der Windforscher. Viele von ihnen widmeten sich fortan der Stromlinie auf Rädern, die zunächst im Rennsport Einzug hielt. Höhere Geschwindigkeiten bei identischer Motorleistung: Für Straßenfahrzeuge war diese Gleichung vorerst nicht gefragt. Denn dazu fehlte noch das geeignete Verkehrsnetz – wie auch der Gefallen des Publikums an der Ästhetik der Tropfenform.
Erst die Entstehung der Schnellstraßen und revolutionäre Entwicklungen – etwa die Erfindung des Abrisshecks – etablierten in den späten dreißiger Jahren die Verringerung des Luftwiderstands als konstruktiven Grundsatz. Bis zu 40 Prozent mehr Höchsttempo bei um ein Drittel gesenktem Kraftstoffkonsum: Derartige eindrucksvolle Werte ergaben entsprechende Sonderkarosserien gegenüber traditionellen Aufbauten. Die Nachkriegszeit brachte den endgültigen Durchbruch der „Stromform“ im Serienfahrzeugbau.
Dennoch dauerte es bis in die frühen Sechziger, dass Erkenntnisse aus dem Windkanal – ebenfalls eine rund 100 Jahre alte Erfindung – konsequent für die Gestaltung neuer Modelle genutzt wurden. Seit rund 25 Jahren gilt die strömungstechnische Optimierung der Karosserie als Selbstverständnis. Wegweisendes Design, geringer Spritverbrauch: Diese hoch aktuellen Ansprüche machen die Aerodynamik heute zu einem wichtigeren Faktor denn je. Allerdings: Selbst anno 2009 bieten nicht einmal die windschlüpfigsten Serienautos einen geringeren Luftwiderstand als die genialen Pionierformen aus den Zwanzigern.
Mit einer Sonderausstellung in weltweit bislang einmaligem Umfang würdigt die Sammlung PROTOTYP
in Hamburgs HafenCity die Evolution der Aerodynamik und deren große Schöpfer. Zusätzlich zu den Fahrzeugen der Dauerausstellung werden mehr als 20 seltene und nie zuvor ausgestellte Automobile präsentiert, die die Chronologie der Stromform-Entwicklung genauso eindrucksvoll zeigen wie zahlreiche historische Dokumente, Fotos und Studienmodelle. In der von Sammlern, Archiven und der Automobilindustrie großzügig unterstützten Ausstellung ist sogar ein funktionierender Windkanal zu bewundern.
Als ältestes Fahrzeug wird der Grade-Wagen von 1920 zu sehen sein, jüngstes Exponat ist das
Weltrekordfahrzeug Mercedes-Benz C 111/III, das 1978 mit 230-PS-Dieselmotor über 325 km/h
schnell lief. Weitere Highlights: Wanderer Stromlinie (1938), Kamm-Wagen (1938), Goliath GP 700
(1952), Adler Autobahn 1938, Alfa Romeo 6C Stromlinie (1939), DKW Fachsenfeld Monoposto (1928)
und Porsche 356 Gmünd (Vorserie; 1949).