Nachts im Museum 2.0

Foto: fuenfkommasechs.de

Wer jetzt glaubt, es handelt sich um die Fortsetzung des (fast) gleichnamigen Kino-Kassenschlagers, der irrt. Obwohl Anleihen durchaus erkennbar waren. Es hat lediglich das Eigenleben der Exponate gefehlt, das die Besucher dieser einzigartigen Veranstaltung sicher in totale Verzückung versetzt hätte.

Doch auch ohne autonom agierende Rennwagen, Automobile oder Nutzfahrzeuge, geriet die vom Mercedes-Benz Museums-Mitarbeiter Thilo Wessel ersonnene Idee zu einem vollen Erfolg. Zufriedene Gesichter und teilweise leuchtende Augen allerorten, wie man sie von glücklichen Kindern kennt, zeugten davon.

Quelle: mein-auto-blog.de von Björn Habegger

Der Einfall war simpel wie genial: ausgewählte Blogger sollten am 18.08.2012 die Atmosphäre des Mercedes-Museums bei Nacht inhalieren. Wenn sich der Alltagstrubel gelegt hatte und das Licht auf das Nötigste heruntergedimmt war. Lustwandeln in den heiligen Hallen badisch-schwäbischer Mobilität und fachsimpeln unter Gleichgesinnten hieß die Devise. Als Krönung gab die Museumsleitung ausgewählte Exponate und Plätze zur Nachtruhe frei.


“Come together” in der Mercedes-Benz Lounge
Foto: Mario De Rosa

Doch der Reihe nach. Rund 30 Blogger versammelten sich im Laufe des Abends in der Mercedes-Benz-Lounge auf dem Museumshügel, um mit dem Film „Russendisko“, welcher im Rahmen des Open-Air-Kinos lief, auf die anstehende Nacht eingestimmt zu werden. Bevor der Film anlief, hatten wir „Internet-Journalisten“ die Gelegenheit, einen Mann zu sprechen, der die Geschichte des mythischen Modells mit dem Kürzel SL von 1966 bis 2006 maßgeblich mitbestimmte und Rudolf Uhlenhaut als genialen Konstrukteur nicht nur beschrieb sondern noch persönlich kennenlernte: Frank Knothe. Der sympathische und völlig unprätentiöse Ingenieur, der unter anderem den R/C 107 mitentwickelte und privat einen 300SL dieser Baureihe sein Eigen nennt, plauderte aus dem Nähkästchen und erfreute die Anwesenden mit seinen zahlreichen Anekdoten. Leider verstrich die gemeinsame Zeit viel zu schnell, so daß beim ein oder anderen die Neugierde nicht in vollem Umfang gestillt werden konnte. Eugen Böhringer, zweiter „Stargast“ des Abends, hatte aufgrund der herrschenden Hitze seine Anwesenheit auf den nächsten Tag verschoben. Kein Wunder, mit 90 Jahren steckt man extremes Sommerwetter sicher nicht mehr so leicht weg. Dadurch stieg allerdings die Vorfreude auf den nächsten Vormittag.

Frank Knothe im Gespräch
SL-Intimus Frank Knothe (links) im Gespräch
Foto: Michael Andreas Pulfer

Nach dem Film begrüßte Georg Wohlfarth, Leiter Marketing & Kommunikation des Museums, die Anwesenden in der Lounge auf Ebene 8, bevor es eine exklusive Führung durch das Museum gab. Michaela Baumgarten führte gekonnt Regie und pickte sich die interessantesten Modelle aus 125 Jahren Daimler- und Benz-Geschichte heraus um sie en detail vorzustellen. Ihr Kollege Benedikt Weiler sekundierte, indem er besonders sehenswerte Fahrzeuge aufschloß, um teilweise probesitzen, teilweise ins Innere fotografieren zu lassen. So gab es beispielsweise einen der seltenen Einblicke in die Jellinek’sche Reiselimousine, den Motorraum des Vanderbilt-Simplex, die Messgeräte im Heck des 300er-Meßwagens oder Maßnehmen am Volant des 300SL Roadsters. Die veranschlagten 45 Minuten wurden dadurch (zum Glück!) beinahe um das Doppelte überzogen. Der Gipfel jedoch war das „Besteigen“ der Steilwandkurve, auf welcher die Rennwagen der Marke ausgestellt sind. Ich bin ja nun schon sehr oft zu Gast im Museum gewesen, doch die Rennfahrzeuge aus der zweiten und teilweise dritten Reihe waren von der üblichen Froschperspektive aus kaum zu fotografieren, geschweige denn aus der Nähe zu betrachten. Die einzigartige Möglichkeit, nah an diese Fahrzeuge heranzukommen, wurde rege genutzt. Auch wenn sich nur fünf Personen gleichzeitig auf der Steilwand aufhalten durften, musste niemand auf dieses Vergnügen verzichten. Welch’ wunderbare Gelegenheit, sich neben den W165 Tripolis-Rennwagen zu stellen, welche Emotion, mit den ausgegebenen Microfaser-Handschuhen über den Targa-Florio-Wagen streichen zu dürfen.

Targa Florio Rennwagen
Mercedes Targa-Florio-Rennwagen aus dem Jahre 1924
Foto: Mario De Rosa

Doch das war nicht der einzige Lichtblick in dieser besonderen Nacht, denn nach der Führung zogen Michaela Baumgarten und Benedikt Weiler den Urahn aller Automobile mit Verbrennungsmotor aus seiner Remise: Den Benz Patentmotorwagen. Zahllose Runden absolvierte das Gefährt klaglos auf dem Museumshügel mit seinen schlangestehenden Mitreisenden. Die diebische Freude war den Passagieren ins Gesicht geschrieben.

Benz Patentmotorwagen in Aktion
Benedikt Weiler gibt dem Benz Patentmotorwagen gleich die Sporen
Foto: Mario De Rosa

Mittlerweile war es spät geworden und wer sich nicht in der freigegebenen Lounge in Ebene 8 bei Snacks, Gulaschsuppe und Getränken mit Mitstreitern angeregt über den bislang verlaufenen Abend unterhielt, bereitete sich auf die Nachtruhe vor oder schlenderte auf eigene Faust durch das menschenleere Museum. Bei einem solchen Spaziergang, bei welchem einem die ausgestellten Fahrzeuge angenehm Nahe zu kommen scheinen, fast wie altbekannte Freunde, die man immer wieder gerne besucht, ließ sich entdecken, welche Schlafstatt sich die Gäste ausgesucht hatten. Freigegeben war zum Beispiel die Dachterrasse, die bei dieser lauen Sommernacht bei Kerzenschein eine beinahe magische Anziehungskraft ausübte mit unbeschreiblichem Ausblick über die Dächer Stuttgarts inklusive.

Zelten auf der Dachterrasse
Stimmungsvoller läßt sich kaum nächtigen
Foto: Mario De Rosa

Wer lieber Museumsluft auch im Schlaf einatmen wollte, bettete sich entweder in der SL-Ausstellung, dem Travego-Reisebus, dem WM-Bus von 1974, der Transformer E-Klasse oder dem vor dem Museum mondän wachenden Actros-Taxi zur Ruhe, bevor um 6 Uhr das Reinigungspersonal dem kurzen Schlaf ein mitunter jähes Ende setzte, je nachdem in welcher Ebene man sich befand.

Schlafen in der SL-Ausstellung
Zwischen W198 und W121 gebettete Blogger
Foto: Mario De Rosa

Der nächste Morgen begann mit einem herzhaften Frühstück im Museumsrestaurant und manch Einem war die schlaflose Nacht anzusehen. Doch gemäß dem Motto „Dabeisein ist alles“, schien dies niemanden groß zu kümmern. Endlich gab sich auch der mit Spannung erwartete Rennfahrer Eugen Böhringer die Ehre und reiste mit seinem 1958er 300SL-Roadster, pilotiert von seiner Enkelin, an. Immerhin lautete das Motto des Museumssonntags im Rahmen der „Cars & Coffee“-Reihe „SLs und Cabrios“. Der trotz seines hohen Alters noch immer sehr beliebte Rennschwabe gab geduldig Autogramme und Interviews und erzählte aus seinem bewegten Rennfahrerleben inmitten zahlloser Roadster und Cabrios, die sich zwischenzeitlich zu einem bunten Stelldichein auf dem Museumshügel eingefunden hatten.

Eugen Böhringer
Immer ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen: Eugen Böhringer
Foto: Michael Andreas Pulfer

So ging eine rundum gelungene Veranstaltung zu Ende, von der zu wünschen bleibt, daß es sich hierbei um eine Premiere und nicht um eine Eintagsfliege gehandelt hat.

Eugen Böhringers Abschied
Bis zum nächsten Mal? Ja bitte!
Foto: Michael Andreas Pulfer

PS: Weitere Impressionen gibt es bei der “Stuttgarter Zeitung” sowie auf zahlreichen Blogs wie mein-auto-blog.de von Björn Habegger, rad-ab.com von Jens Stratmann, autophorie.de von Fabian Meßner, icedsoul.de von Teymur Madjderey oder bl0g.mercedes-benz-passion.de von Markus Jordan. Das Team von fuenfkommasechs.de hat tolle Nachtaufnahmen auf Facebook veröffentlicht.