Mit dem W 123 durch Italien – TEIL 1 von 4

Hier kommt Axel

Von Neufundland bis in den östlichen Mittelmeerraum tummeln sich zahlreiche Tiefdruckgebiete. Über dem Mittelmeer ist Tief “Axel” wetterbestimmend. (Quelle: www.wetter.de  01.05.2019)

von Stefan Röhrig

Ich kann nicht lange stillsitzen! Schon meine berufliche Karriere hatte ich abhängig von möglichst großer Reisetätigkeit gemacht. Dieses Fernweh ist offensichtlich bis heute nicht erloschen, denn es zieht mich ständig in neue Gefilde. Und auch die vor einigen Jahren erfolgte Anschaffung eines 280 E diente nur diesem Zweck – nämlich möglichst viele längere Touren mit ihm zu unternehmen. Die im Winter 2017 durchgeführte Exkursion mit dem 123er an das Nordkap, eine große Tour mit ganz eigenem Charakter (siehe Oldtimer Ticker 2017), brachte mich dann so richtig auf den Geschmack für das automobile Reisen.

Schon sechs Monate nach dem Skandinavien-Trip meldeten sich die Hummeln in der Hose wieder. Dieses Mal sollte es auf den Spuren der legendären LeJog Rallye vom südlichsten Punkt der Vereinigten Königreiche – Land‘s End in Cornwall – zum nördlichsten – John oGroats in Schottland – gehen. Sofort stürzte ich mich in die Planung, eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen einer solchen Tour. Auch dieses Mal sollte die Fahrt ohne die Nutzung anderer Beförderungsmittel wie Schiff oder Bahn ausschließlich mit dem Auto erfolgen, und natürlich nur über Landstraßen. Meine Planung sah eine Strecke von knapp 5.000 km vor, und das in 14 – 18 Tagen. Und, überraschend für mich, dieses Mal wollte mich die beste Frau von allen (meine) begleiten. Doch wie sagt man so schön – es kommt immer anders als man denkt! Leider, leider musste ich aus gesundheitlichen und beruflichen Gründen für 2018 passen, die Reise sollte um ein Jahr verschoben werden. Und dann kam das Theater um den Brexit, was mich letztendlich von dieser Tour abbrachte.  Der Reisebeginn war nur wenige Tage nach dem damaligen Brexit-Termin geplant, und es waren viele Dinge unklar, die im Fall eines solchen Unterfangens wesentlich gewesen wären. Außerdem hatten mir die Briten mit dem unleidlichen Gezerre rund um den Austritt gehörig den Spaß an dem Unterfangen verdorben. Ein neues Reiseziel musste her! Und da von meinem ständigen, liebenswerten Partner wiederholt der Einwurf kam, ob es denn nicht mal in ein wärmeres Gefilde gehen könne, plante ich eine große Rundreise durch Italien, nach dem Motto – Italien ist eine Reise wert.

Da wir den Norden Italiens, vor allem die Regionen Lombardei, Venetien, Trentino und Friaul, bereits auf früheren Reisen besucht hatten, wollten wir nun vor allem die Mitte und den Süden des Landes kennen lernen. Die geplante Route sollte auf der Adria-Seite bis zum südlichsten Punkt des Stiefels gehen, dann auf der anderen Seite über Neapel zurück. Die vorgesehene Streckenführung hangelte sich entlang ausgesuchter landschaftlicher, kultureller oder touristischer Highlights, jeweils 2 bis 4 pro Tag, jedoch ohne genaue Festlegung. Dazu hatte ich mir diverse Reiseführer vorgenommen. Allerdings zeigte sich bei deren Durchsicht bereits, dass es in diesen Teilen Italiens so viel zu sehen gibt, dass wir wirklich nur absolute „must see Orte“ ansteuern können würden. Je nach Gefallen, Wetter oder sonstiger Gegebenheiten wollten wir spontan entscheiden, wie, wann und wo es hingehen sollte.

Obwohl ich in der Zwischenzeit großes Vertrauen in den 280 E habe, ließ ich ihn nochmal richtig durchchecken. Erwartungsgemäß war alles in Ordnung. Als Navigationsunterstützung installierte ich mein TomTom Go51 und packte Italien-Karten 1 : 800.000 und 1 : 400.000 in die Türtaschen. Zur Bereitstellung touristischer Informationen sollte Wikipedia ausreichen. Kurz vor Reisebeginn bestellte ich bei  der Tolltickets GmbH eine Telepass Box, die bereits auf der Skandinavien Reise gute Dienste geleistet hatte. Der an der Windschutzscheibe zu befestigende Sender erlaubt das Durchfahren der Mautstellen auf einer separaten Spur, ohne dass man Anhalten muss. Die Mautgebühr wird dann über die Tolltickets GmbH ohne Mehrkosten dem Fahrzeughalter in Rechnung gestellt. Die Kosten für die Telepass Box betragen 1,75 EUR pro Tag. Unterkünfte wollten wir jeweils erst am Vortag oder sogar am aktuellen Reisetag buchen, ansonsten machten wir die Abreise vom Wetter abhängig. Wie sich dann herausstellte, gab es keine Wiederholung des Dauerhochs vom Frühjahr 2018. Laut Wetterbericht war für den gesamten Mittelmeerraum unbeständiges Wetter angekündigt. Wir wussten noch nicht, dass das Tief „Axel“ das Wetter der nächsten Wochen bestimmen sollte. Da wir  das Zeitfenster für die Reise zwischen dem Ende der Osterferien und dem Beginn der Pfingstferien gelegt hatten, mussten wir trotz der unbeständigen Wettervorhersage irgendwann die Entscheidung zum Start fällen.

An einem Samstag Ende April geht es dann endlich los. Wie meistens, wenn wir Richtung Italien fahren, wählen wir auch dieses Mal die Route über den Fernpass und die Brenner-Autobahn.

1. Rast an der Brennerautobahn

Das Wetter ist okay, der 6-Zylinder schnurrt und wir freuen uns, dass die lange Warterei ein Ende hatte. Die erste Etappe führt nach Trento, eine für uns bisher unbekannte Stadt. Das wunderschöne Hotel im Stil der Jahrhundertwende, nahe an der Etsch gelegen, erreichen wir am frühen Nachmittag.

Sehenswerte Altstadt in Trento

So bleibt ausreichend Zeit für einen Bummel durch die sehenswerte Altstadt, in welcher der Domplatz mit einer mächtigen romanischen Basilika sowie dem über 800 Jahre alten Palazzo Pretorio einen natürlichen Mittelpunkt bilden.

Mittelalterischer Domplatz in Trento

Tags drauf wollen wir nach Bologna, für uns ebenfalls Neuland in der Region Emilio-Romagna. Ab der Höhe von Mantua geht es ab von der Autostrada auf die Landstraße, und so soll es für den größten Teil der Tour auch bleiben. Es ist erstaunlich, wie das Land aus dieser Perspektive anders aussieht, einfach bunter, abwechslungsreicher, lebendiger, auch wenn die Landstraßen teilweise parallel zur Autobahn verlaufen.

Interessante Skultur eines F 1 Boliden vor dem Ferrari Museum

Da wir schon in der Nähe sind, besuchen wir das Ferrari-Museum in Maranello. Vor vielen Jahren hatte ich einige Male Kontakt zur Sportwagen-Manufaktur, um Erfahrungen beim Betreiben bzw. zum Aufbau eines Classic-Bereichs auszutauschen. Erstaunlich, wie sich das Unternehmen seitdem entwickelt hat. Ich kann die alten Gebäude und Räumlichkeiten des Werks kaum noch wiedererkennen.

Im Eingangsbereich des Ferrari Museums

Für Bologna hatte ich im Bologna Holiday Inn gebucht. Wir wollen nahe an der Altstadt übernachten, da in Bologna – wie in sehr vielen italienischen Städten – die Einfahrt mit dem Auto verboten ist. Welche Überraschung, als wir feststellen, dass das Holiday Inn in diesem Fall eine Airbnb Unterkunft ist. Auch wenn es sich um ein großzügiges Appartement handelte, konnten die anderen Umstände – riesiger Mietkomplex, problematische Garagenzufahrt, umständliche Schlüsselübergabe etc. – wenig dazu beitragen, uns von diesem Modell bei einer einmaligen Übernachtung  zu überzeugen. Für den Rest der Reise werde ich bei der Buchung über booking.com darauf achten, mein Häkchen nicht nur bei „Parkplatz“, sondern auch bei „Hotel“ zu setzen. Nach dem eher mühevollen Einchecken geht es direkt in das Stadtzentrum. Dabei fällt sofort auf, dass fast jede größere Straße mit Arkaden gesäumt ist. Wie ich später erfahren habe, gibt es insgesamt ca. 38 km dieser schattenspendenden Einrichtungen.

Arkaden in Bologna

Auffallend auch die diversen schmalen Türme, die scheinbar bautechnisch wenig Sinn machen. Zwei davon – die Due Torri – stehen auch noch sehr schräg, angeblich schiefer als der Turm von Pisa. Diese sogenannten Geschlechtertürme waren im 13. und 14. Jahrhundert in italienischen Städten sehr verbreitet, alleine in Bologna standen ca. 180 Wehr- und Wohntürme. Wir würden sie auf der weiteren Reise noch häufiger antreffen. Der Höhepunkt des Rundgangs durch die sowieso schon sehenswerte Altstadt bildet dann die Piazza Maggiore.

Neptunbrunnen – Piazza Maggiore Bologna

Solche abwechslungsreichen, architektonisch herausragenden und lebhaften Plätze kann es wohl nur in Italien geben. Wir sind auf jeden Fall überwältigt. Eine riesige Basilika im gotischen Stil, der Palazzo d’Accursio, Häuserfronten in unterschiedlichen Stilrichtungen, der Neptunbrunnen, fast zu viel für einen Nachmittagsspaziergang. Auch das weniger schöne Wetter kann uns diesen Besuch in Bologna nicht vermiesen.

Regen in Faenza

Über Faenza, dessen schöne zentrale Piazza Martiri mit Glockenturm und mittelalterlichem Rathaus leider wegen Regen nicht zu einem längeren Aufenthalt einlädt, geht es am nächsten Tag zügig weiter Richtung Adria Küste. Die parallel zur Autostrada verlaufende Landstraße ist ausgesprochen hässlich und zeugt vom wirtschaftlichen Niedergang Italiens. Viele heruntergekommene oder verlassene Industriegebäude flankieren die marode Straße. So sind wir froh, als wir den Touristenort Cesenatico erreichen.

Kanalhafen von Cesenatico

Unser Ziel ist der kleine Hafen, der vom Meer als Kanal landeinwärts angelegt ist.

Der Hafen von Cesenatico wurde von Da Vinci entworfen

Diese Anfang des 16. Jahrhunderts gebaute Anlage geht auf eine Planung von Leonardo da Vinci zurück, der mit dieser besonderen Gestaltung die Versandung des Hafens verhindern wollte. Anscheinend ist ihm das gelungen. Jetzt scheint auch endlich die Sonne. Wir trinken in einem der vielen Cafés entlang der Schiffsliegeplätze in Ruhe einen Cappuccino. Und schon sitzen wir wieder im Wagen und bewegen uns über Rimini in Richtung San Marino. Vor einigen Jahren hatte ich während der Mille Miglia praktisch im Vorbeiflug diesen kleinen Staat und die Hauptstadt durchquert und mir damals vorgenommen, hier noch einmal hinzukommen. Die Anfahrt von der Küste durch mehrere kleine Ortschaften gestaltet sich sehr abwechslungsreich. Der Staat ist mit ca. 60 Quadratkilometern einer der kleinsten, jedoch – wie ich bei der Reiseplanung erfuhr – die älteste Republik der Welt. Die letzten Kilometer zur Altstadt geht es über eine kurvenreiche Straße ständig bergauf, bis auf ca. 700 Meter Höhe. Auch hier ist der Zugang zur Stadt mit dem Fahrzeug verboten. Praktischerweise befinden sich außerhalb der Stadtmauer diverse große Parkplätze, von denen man mit Aufzügen bis direkt in die Altstadt transportiert wird. Wie zu erwarten, sind wir nicht die einzigen Gäste.

Die Burg von San Marino

Unmengen von vorwiegend asiatischen Touristen besuchen mit uns die engen Gassen mit den pittoresken Gebäuden, Mauern, Toren, Palästen. So ein bisschen hat man das Gefühl, man befindet sich in einer Disneyworld. Da die Stadt oben auf einem Hügel thront, genießen wir von diversen Stellen eine tolle Aussicht in das wunderschöne Umland.

Ausblick von San Marino

Leider verschlechtert sich das Wetter wieder, und um dem drohenden Regen zu entkommen, machen wir uns auf die Weiterfahrt zum benachbarten San Leo. Ein Freund hatte mir diesen Stopp empfohlen. Das kleine mittelalterliche Örtchen ist menschenleer, eine Wohltat nach dem überlaufenen San Marino. Wir parken (verbotenerweise) auf der zentralen Piazza, die von alten Palazzi umgeben ist.

San Leo – kein Geheimtipp mehr

Sofort fällt uns auf, dass fast alle Gebäude aus dem identischen hellgelben Sandstein errichtet sind, auch die beiden sehr alten Kirchen, die dominant freistehend oberhalb des Ortes stehen. Das Ganze wird von einer kastellartigen, weithin sichtbaren Festung gekrönt, zu der wir allerdings aufgrund des schlechten Wetters nicht aufsteigen. Wir freuen uns, dass wir wieder ins warme Auto kommen und machen uns auf die Weiterfahrt zum Tagesziel, Urbino.

Kirche in St. Leo aus dem 9. Jahrhundert

Die Stadt gehört zur Region Marken, die mir, ich muss es gestehen, bisher unbekannt war. Dabei hat die Marken viele unterschiedliche Gesichter. Große Getreidefelder, dicht bestandene Waldregionen, schroffes Gebirge und dazwischen immer wieder malerische Dörfer und Städte mit mittelalterlichem Gepräge. Urbino ist aufgrund seiner Geschichte und Architektur UNESCO-Weltkulturerbe.

Im Zentrum von Urbino

Im Vorfeld hatte ich ein Hotel mitten in der Altstadt gebucht, was sich als Glückstreffer herausstellt. Es handelt sich um ein altes Kloster, das sehr aufwändig für den heutigen Zweck restauriert worden ist und in dem wir uns sofort wohlfühlen. Den 280 E parken wir im Innenhof, sehr praktisch für meine Frau. Sie will unbedingt das Gepäck umräumen, weil ihre Sachen im Handgepäck nur unzureichend für die niedrigen Temperaturen geeignet sind. Gott sei Dank hatten wir vor der Abfahrt aus Deutschland noch ein paar wärmere Sachen eingepackt, obwohl wir ja eigentlich auf besseres Wetter gehofft hatten. Mir ist klar, wenn meine Frau dauerhaft friert, muss ich die Tour abbrechen. Zum Glück ist es im Hotel angenehm warm!! Beim Einchecken erklärt uns der freundliche Rezeptionist, dass die Zufahrt zur Altstadt eigentlich verboten sei und dieses Verbot mit Kameras überwacht würde, die die Kennzeichen registriere. Das Hotel gibt die Kennzeichen der Gästefahrzeuge an eine Behörde weiter, um hohe Strafen für den Fahrzeughalter zu vermeiden. Diese Regelung gilt übrigens für viele Städte mit Fahrverbot. Urbino war bis Mitte des 19. Jahrhunderts wichtiger Bestandteil des Kirchenstaats und ist unbedingt sehenswert. Die Altstadt liegt auf zwei Hügeln, an deren Scheitelpunkt sich ein zentraler Platz befindet. Die vielen engen Gassen, die imposanten Gebäude wie Dom, Kirchen, Palazzo Ducale und Kloster strahlen eine ganz eigene Atmosphäre aus, als ob die Zeit vor einigen hundert Jahren stehen geblieben sei. Das steht im Kontrast zu den Heerscharen von jungen Menschen, meistens Studenten, die Straßen und Cafés bevölkern. Auf die Besichtigung des Doms, eines der baulichen Highlights von Urbino, müssen wir leider verzichten, da dieser sich in der Renovierung befindet.

Dom Santa Maria Assunta, Urbino

Am 27.01.2020 geht es dann mit Teil 2 weiter…