Mercedes-Benz Passion: Mit dem W 115 durch Europa


Mit der neuen Rubrik “Usergeschichten” möchten wir künftig persönliche Geschichten und Erlebnisse von Mercedes-Benz Oldtimer-Besitzern vorstellen.

Eine sentimentale Reise von Emil Šterbenk, MB Club Slowenien

Einführung: Vierzig Jahre Modell W 114/115
Vor vierzig Jahren kam ein neuer „kleiner“ Mercedes-Benz auf den Markt, das Modell W 115. Ab Produktionsbeginn war das Modell mit zwei Dieselmotoren verfügbar: 200 D und 220 D. Diese Autos waren als sehr sparsame, komfortable und vor allem haltbare Fahrzeuge bekannt. Sie begeisterten Fahrer, die mehr Wert auf hohe Durchschnittsgeschwindigkeit, Komfort und Sicherheit legten, als auf Höchstgeschwindigkeit und starke Beschleunigung. So ist es kein Wunder, dass von den Modellen 200 D und 220 D mehr als 750.000 Exemplare produziert wurden. Um der großen Nachfrage Rechnung zu tragen, liefen noch ein Jahr nach Einführung der W 123-Modellreihe weiterhin W 115-Modelle vom Band.


Ein 200 D-Besitzer
In Slowenien waren wegen der niedrigen Wartungskosten vor allem die Dieselmodelle weit ver-breitet. Schon als Kind fand ich dieses Auto sehr attraktiv. Es war mein Traum, in ferner Zukunft eines dieser Autos zu besitzen und so musste fast 30 Jahre lang warten. Meinen ersten 200 D kaufte ich vor fünfzehn Jahren.

1995 ging mein Sohn auf die Musikschule Velenje uns stundenlang warte ich auf ihn. Direkt neben der Musikschule wohnte Herr Vinko, Besitzer eines 200 D. Mit der Zeit freundeten wir uns an und diskutierten natürlich über Mercedes-Benz Fahrzeuge. Damals besaß ich bereits drei Mercedes-Benz Ponton-Modelle. Herr Vinko war mit seinem Auto sehr zufrieden und sah keine Veranlassung, ihn nächster Zukunft zu verkaufen.

Dennoch bot ich ihm an, sein Auto um jeden Preis zu kaufen. Herr Vinko antwortete: „Abge-macht, ich teile Ihnen mit, wenn ich dieses alte rostige Stück Metall loswerden möchte.“ Während der nächsten sieben Jahre passierte dann überhaupt nichts.

Irgendwann kam ich zu der Erkenntnis, dass er sich nie von seinem W 115 trennen wird und begann mit der Suche nach einem W 123. Nach langem fand ich einen gut erhaltenen 230 E.

Eine Woche später läutete das Telefon: „Emil, ich verkaufe meinen 200 D. Der Wagen ist noch in Ordnung. Aber ich werde alt, mein Knie schmerzt beim Sitzen. Daher habe ich mich dazu entschlossen, ein höheres Auto zu kaufen, dieser Mercedes-Benz ist so niedrig.“ „Mein Gott! Ich habe bereits einen 123iger gekauft. Ich habe kein Geld mehr und meine Frau ist sicher nicht gut auf mich zu sprechen, wenn ich noch ein Auto in unserem Hof stelle“, entfuhr es mir. „Tut mir leid, ich habe eine Anzeige aufgegeben. Aber wie versprochen habe ich Dich zuerst angerufen. Die Entscheidung liegt bei dir“, fügte er schnell hinzu.

Der Familienrat wurde einberufen und wir kauften das Auto sogar zu einem günstigeren Preis. „Ich gebe dir das Auto unter dem eigentlichen Wert, da ich sicher bin, dass es bei dir noch viele Jahre gepflegt wird. Ich verkaufe den Wagen nicht an jüngere Leute, damit es in ein oder zwei Monaten auf dem Schrottplatz landet.“

Geschichte
Ich bin der vierte Besitzer meines 200 D in Slowenien. Der erste, ein Unternehmer, importierte das Auto aus Deutschland. Mit einer Kilometerleitung von über 500.000 auf dem Tacho kaufte der zweite Besitzer das Auto und fuhr in den fünf Jahren rund 80.000 km. Während dieser Zeit wechselte er lediglich das Getriebeöl, das Differenzial und die Bremslamellen.

Der dritte Besitzer kaufte das Auto in recht gutem Zustand, musste jedoch Auspuffanlage, Stoßdämpfer und Reifen sofort austauschen. Im Jahr 1996 wechselte er die hinteren Brems-scheiben und den Hauptbremszylinder. Im Dezember 1996 restauriert er die Karosserie, an der bis heute keine weiteren Arbeiten mehr vorgenommen (außer Waschen und Polieren, aber das ist ja selbstverständlich) wurde.

Nach weiteren 90.000 km tauschte er bei der Generalinspektion des Motors, die Kolben, Ventile, Hauptachs- und Wellenlager, Antriebskette mit Zahnrädern, Ölpumpe und Dichtungs-ringe aus; die Kraftstoffpumpe wurde lediglich neu eingestellt. Im Jahr 2003 tauschte er die vorderen Bremsscheiben und -lamellen und fuhr weitere 60.000 km.

Im Sommer 2004 ging das Fahrzeug mit mehr als 740.000 km auf dem Tacho in meinen Besitz über. Seitdem habe ich den Träger der Hinterachse geschweißt, die hinteren Federn gewechselt und ein Problem mit der Lichtmaschine gelöst. Bevor ich nach Schweden aufbrach, fuhr ich weitere 40.000 km.

Ein Grund für die Reise
Im letzten Jahr besuchte der Mercedes-Benz Club Slowenien das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart. Dort kaufte ich einen Nachdruck einer Werbebroschüre, in der stand, dass nach der Markteinführung die hohe Qualität dieser W115 Modelle durch eine Prüfung unter Beweis gestellten wurde. Von Stuttgart brachen fünf Teams mit je drei Personen zu einer Testfahrt durch ganz Europa auf. Durchschnittsgeschwindigkeit, Kraftstoffverbrauch und einige weitere Daten wurden gemessen. Insgesamt trat auf 28.000 km nur ein einziger Defekt auf: eine Reifenpanne.

Als mir meine Frau mitteilte, sie würde zum alljährlichen World Dental Congress nach Stockholm fahren, beschloss ich, die Reise nach Skandinavien mit meinem 200 D vierzig Jahre später zu wiederholen.

Unser Team umfasste vier Personen mit einem Gewicht von 400 kg sowie Gepäck von 112 kg. Ziemlich viel für ein Auto mit bereits gefahrenen 800.000 km. Aber wir glaubten an die Mercedes-Benz Qualität. Den üblichen Kundendienst nahm ich vor und die einzige Vorbereit-ung bestand darin, dass ich die hinteren Federn durch so genannte Taxifedern ersetzte, die rund 1 mm dicker als die Originalfedern sind.

Die meisten meiner Freunde erkundigten sich nach meinem Geisteszustand, da ich mit einem uralten und unglaublich langsamen Auto eine solch weite Reise antreten wollte. Ihnen taten Mojca und Dare leid, die mit uns im Auto mitfahren wollten. Ich muss zugeben, dass wir schon bei den ersten Reisevorbereitungen mehr als nur etwas besorgt waren.

Die Reise
Zwei Tage vor der Abreise fragten wir uns, welche Koffer wir verwenden sollten. Wir stellten fest, dass wir in beiden Familien exakt dieselben Koffersätze verwendeten, die perfekt in den Kofferraum des Autos passten. Und natürlich fanden wir (die beiden Männer) heraus, dass es ausreichend Platz gab. Selbstverständlich kam alles anders, als unsere Frauen die Dinge in die Hand nahmen. Volle Stoffkoffer sind viel größer als in leerem Zustand.

Mir war gar nicht bewusst, dass wir offensichtlich genug Lebensmittel für die gesamte Be-völkerung in Deutschland und Schweden dabei hatten. Hinzu kamen noch Geschenke für Ver-wandten und einige Flaschen unseres hervorragenden slowenischen Weins. Des Weiteren noch zwei Kopfkissen die als Kopfstützen dienten.

Um exakt 4:59 am Sonntag, den 14. September, erreichten meine Frau und ich Velenje, um unsere Freunde abzuholen. Im Kofferraum befanden sich bereits 52 kg Gepäck, meiner Meinung nach sollte aber noch ausreichend freier Platz vorhanden sein. Familie Bujan brachte 50 kg Gepäck sowie einen Reisekühlschrank mit einem Gewicht von 12 kg mit. Wir benötigten 26 Minuten, um alles im Kofferraum unterzubringen, mussten aber einige kleinere Stücke in den Innenraum legen. So verließen wir Velenje um 5:25 mit vier übergewichtigen Passagieren und 114 kg Gepäck an Bord.

Der erste Tag unserer Reise durchfuhren wir Deutschland. Wir nahmen uns kein konkretes Ziel vor, sondern wollten einfach so weit wie möglich kommen. Um 18:55 erreichten wir Hildesheim, eine Stadt zwischen Hamburg und Hannover. Zur eigentlichen Fahrt gab es kaum etwas zu sagen, nur einige Steigungen (Irschenberg, Kassel) stellten eine große Herausforderung für den 55-PS-Dieselmotor dar (dritter Gang, Vollgas und stolze 65 km/h Spitzengeschwindigkeit). Wir rollten 1150 km gemütlich dahin, nicht besonders schnell, aber komfortabel und sicher. Dies war der längste Abschnitt unserer Reise nach Schweden.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Kopenhagen. Dort verbrachten wir, ebenso wie in Göteborg, zwei Nächte. Anschließend blieben wir fünf Tage in Västerås, von wo wir einige Ausflüge nach Stockholm, einen Besuch auf dem FDI World Congress in Uppsala und in die Umgebung von Västerås unternahmen.


Der 200D erwies sich aufgrund des strengen Tempolimits als ideales Auto für Schweden. Auf den Autobahnen sind normalerweise nur 110 km/h zulässig, auf wenigen Abschnitten sind sogar 120 km/h erlaubt. Das allgemeine Tempolimit auf gewöhnlichen Straßen beträgt 70 km/h, meist sind 90 km/h zulässig. Ab dem Zeitpunkt unserer Schwedeneinreise wurden wir praktisch nicht mehr überholt. Dies war ein großer Unterschied zu Deutschland, wo wir nur wenig schneller waren als LKWs und Busse.

Am Donnerstag, den 25. Oktober, brachen wir um 6:45 zur Rückreise auf. Wieder die üblichen Probleme mit dem Gepäck. Ich dachte, dass wir nicht wieder jedes noch so kleine Gepäck-stück sorgfältig im Kofferraum anordnen müssen, unseren Verwandten hatten wir ja zuvor die Geschenke überreicht. Von unseren Verwandten brachten wir für unsere Eltern und uns einige Geschenke mit und das Gepäck war schwerer als zuvor.

Wir entschieden uns, mehr als 2400 km in zwei Tagen zu fahren. Wir nahmen über Berlin eine andere Strecke. Am ersten Tag erreichten wir Güster (200 km westlich von Berlin). Hinter uns lagen 1160 km, vor uns weitere 1266 km. Wir erreichten Güster um 19:20, hatten also zuvor 12 Stunden und 55 Minuten im Auto verbracht, einschließlich der Überfahrt von Rodby nach Puttgarten, die 50 Minuten in Anspruch nahm. Wir hatten viel Glück, da wir als letztes Auto in den Fährhafen von Rodby um 16:18 einfuhren. Bereits um 16:20 verließ die Fähre den Hafen, und um 17:10 setzten wir unsere Fahrt wieder auf deutschen Autobahnen fort.

Am nächsten Morgen starteten wir wieder um 8:17 und kamen um 22:16 in Velenje an. Wir benötigten 13 Stunden und 59 Minuten für 1266 km. Wenn wir alle Zwischenhalte abziehen, kamen wir wieder auf einen mehr als zwölfstündigen Aufenthalt im Auto.

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Das Ergebnis: ein voller Erfolg
Mein 200 D benötigt normalerweise 8,5 bis 9 Liter Diesel auf 100 km. Aber diese Reise war anders. Wir fuhren genau 5645 km. Für diese Distanz benötigte der 200D rund 550 l Diesel, was 9,52 l/100 km entspricht. Die Daten zur Geschwindigkeit sind fast unglaublich. Die Durchschnittsgeschwindigkeit für die gesamte Fahrt betrug rund 85 km/h. Wir fuhren vor allem Autobahnen, auf denen es einige Staus gab. Dazu kam noch viel Sightseeing in verschiedenen Städten. Wir müssen jedoch berücksichtigen, dass die Höchstgeschwindigkeit bei diesem Auto 128 km/h laut GPS-Navigation und 130 laut Werksangaben beträgt. In der Praxis fuhren wir zwischen 110 und 115 km/h. Aber auf unserem Rückweg konnten wir noch die Grenze von 100 km/h überschreiten, so dass unser Ergebnis für die 1266 km bei 100,1 km/h (Nettozeit) betrug. Wir hatten einige kurze Abschnitte, auf denen wir einen hervorragenden Durchschnitt von fast 110 km/h erzielten. Auf dem Abschnitt Kockern – Thirsheim benötigen wir nur zwei Stunden und zwei Minuten für 220 km, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 108,2 km entspricht. Wir fuhren zwei weitere Abschnitte mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 107,6 und 107,4 km, als wir mit hoher Geschwindigkeit fahren mussten, um die Fähre in Rodby zu erreichen. Das Hauptergebnis ist jedoch, dass mein 200 D der Tortur einer langen und zügigen Fahrt ohne jegliche Probleme standhielt.

Fazit
40 Jahre nach seiner Premiere ist der Mercedes 200 D nach wie vor eine hervorragende, wenn auch etwas laute Reiselimousine. Auf ebener Strecke in Norddeutschland war der Wagen auch kein Verkehrshindernis. In den Alpen und Teilen Bayerns ist er jedoch für den heutigen Verkehr zu langsam und in manchen Fällen sogar langsamer als teilweise beladene LKWs, von Bussen ganz zu schweigen. Für gebirgige Gegenden entwickelte Mercedes-Benz den 220D und später den 240D, und das höhere Drehmoment der erwähnten Motoren ermöglichte viel bessere Leistungen. Ich muss jedoch unterstreichen, dass wir auf der gesamten Reise mit ihren 5600 km nicht das geringste Problem hatten. Ich habe den Ölstand erstmals nach 1150 km überprüft, als er fast auf Höchststand war. Nach 3000 km war der Stand um ein Drittel gefallen. Und als wir zuhause ankamen, konnte ich feststellen, dass der Motor insgesamt 6 dl Öl auf der gesamten Fahrt verbraucht hatte. Was soll ich sagen? Bravo, Mercedes! Normalerweise fülle ich während der 10.000 km eines Wartungsintervalls kein Öl nach. Allerdings fahre ich üblicherweise den Oldtimer auch nicht vollständig beladen bei 90 % der Höchstgeschwindigkeit.

Ich war positiv überrascht, als Mojca, die Kollegin meiner Frau, folgendes sagte: „Emil, ich hätte mir nicht vorstellen können, dass die Fahrt mit Deinem Mercedes so komfortabel und problemfrei sein würde.“ „Und so sicher und ohne jegliche technische Probleme“, fuhr ihr Ehemann Dare fort, der normalerweise für Oldtimer nichts übrig hat.

Tatsächlich war dies nicht meine erste lange Fahrt mit einem Mercedes-Benz Oldtimer. Ich war schon in Essen mit einem 180 D, in Dubrovnik mit einem 219 Ponton sowie im Jahr 1996 in Stockholm. Auf all diesen Fahrten gab es nur einen einzigen technischen Defekt. Das rechte Vorderlicht des MB 219 brannte in Schleswig durch. Viele Leute haben sich schon gefragt, wie ich es wagen kann, so lange Strecken mit einem solch alten Auto zu fahren. Die Antwort ist einfach: die Qualität der Mercedes-Benz Autos ist so hervorragend, dass ich dabei immer nur gute Erfahrungen gemacht habe, so abenteuerlich diese Reisen auch sein mögen.

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