AvD Oldtimer Grand Prix 2012

Unlängst erhielt ich auf meine Frage, wie man sich denn am besten für einen Besuch beim Oldtimer-Grand-Prix (OGP) kleidet, die so schwammige wie kryptische Antwort: „Sportlich, Sie sollten für jedes Eifel-Wetter gerüstet sein!“. Danke, jetzt wusste ich Bescheid. Zum Glück hat mein Auto einen großen Kofferraum, so daß ich mich für alle Eventualitäten rüsten könnte. Doch als ich mich am vergangenen Samstag, den 11.08. auf den Weg in die Eifel machte, hatte ich nur leichtes Gepäck dabei, denn das sonnige Sommerwetter, mit dem ich Baden-Württemberg verließ, hielt selbst in der als unbeständig verschrienen Eifel bis zu meiner Abreise am Sonntagabend

Der Nürburgring – Motorsport-Mekka und geschichtsträchtiger Ort. Sie hat viel gesehen und viel erlebt, die „Grande Dame“ unter den Rennstrecken. Erbaut 1925 und mit einem überwältigenden Sieg durch Rudolf Caracciola, dem Remagener mit neapolitanischen Wurzeln, auf einem Rennwagen des Typs S 1927 eingeweiht und fortan mit einem Teil der Renngeschichte von Mercedes-Benz nicht ganz aber doch beinahe untrennbar verbunden. In diesem Jahr feiert Mercedes-Benz 60 Jahre SL – was läge näher, als sich heuer auf dem Rundkurs, der von Jackie Stewart 1968 ehrfurchtsvoll „Grüne Hölle“ getauft wurde, in Szene zu setzen, wo 1952 beim „Großen Jubiläumspreis vom Nürburgring“ ein fulminanter Vierfachsieg auf 300SL gefeiert werden konnte?

Caracciola-Gedenktafel am Nürburgring
Rudolf-Caracciola-Gedenktafel

Die 40. Auflage dieser traditionsreichen Motorsportveranstaltung, von Anbeginn vom AvD ausgerichtet, hatte wieder einiges in petto für den Rennfan. So hat sich beispielsweise die Zeitschrift „Motor-Klassik“ die Mühe gemacht, seltene und erlesene Rennfahrzeuge aus 40 Jahren OGP zusammenzutragen und dem Publikum zu präsentieren. Den Namen „Oldtimer Grand Prix“ trägt die Veranstaltung übrigens erst seit 1980. Bis dahin war sie lediglich im Rahmenprogramm der „Nürburgring Show“ eine Randnotiz. Zu Anfang zog die Hommage an Rennfahrer und Rennfahrzeuge vergangener Tage gerade einmal 63 Automobile und 40 Motorräder an. Heute donnern gut 500 Rennwagen, pilotiert von rund 600 Fahrern über den GP-Kurs und die Nordschleife, Gänsehaut und Begeisterung beim faszinierten Besucher weckend.


Startaufstellung – gleich geht’s los!

Unter den angetretenen Boliden finden sich die beiden 300SL von HK-Engineering oder der 300SLS Porter von Herrn Dr.Lehr wieder. Dieses Fahrzeug hat besondere Aufmerksamkeit verdient. 1956 aus den Überresten eines verunfallten 300SL Coupés nach den Plänen vom in den 50ern bekannten amerikanischen Rennfahrer Chuck Porter mit neuer Alu-Karosserie aufgebaut, wurde der 300SL-Motor später durch den Einbau eines McCulloch-Kompressors und einer Sportnockenwelle auf 300 PS hochgezüchtet. Dieser Wert ist allerdings bereinigt um den Kompressorantrieb mittels Keilriemen, der 17 PS kostet. Würde man diesen Leistungsverlust unberücksichtigt lassen, wären das gut 100 PS mehr als der Serienmotor leistet. Zur Erinnerung: Der Originalmotor bringt es bereits auf stramme 215 PS! Diesem Unikat beim Rennen zuzuschauen und vor allen Dingen zuzuhören, ist ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus. Da nimmt es nicht Wunder, daß es sich hervorragend gegen die Streckenkonkurrenz in Form von Maserati 300S, Aston Martin DB3 oder auch seinen „Bruder“, den 300 SLS Roadster, schlug.



Mercedes-Benz 300 SLS Porter Special – ein Unikat

Auch die beiden Mercedes-Benz 300 SL Coupés machten in ihrem ureigensten Einsatzzweck, dem Wettbewerb, eine gute Figur. Sie fühlten sich auf ihrem Siegerkurs von 1952 dermaßen pudelwohl, daß sie dem Eigner gleich drei Pokale bei den Läufen um den Preis der Windreich AG bescherten. Keine schlechte Ausbeute, konkurrierten sie doch mit Kalibern á la Ferrari 250 GT oder Austin Healey Mk I.


300 SL mit deutlichen Kampfspuren

Als wahrer Publikumsmagnet entpuppte sich zusätzlich die von Mercedes-Benz Classic 2011 neu aufgebaute sog. „Rennflosse“. Dabei handelt es sich um einen 1964er Serien-220SE aus der Baureihe W111, der für den historischen Motorsport konzipiert ist. Aktuell startet der Wagen in der Saison 2012 des Dunlop FHR-Langstreckencups. Ein wenig gedulden muß sich der Sympathieträger mit dem Stern noch, was seinen Einsatz betrifft. Auf dem OGP war er ausgestellt wie eine Skulptur, statisch nur, ohne Einsatz, doch einen Eindruck verströmend, als wäre er über jeden Zweifel erhaben. Diese Entscheidung erwies sich aufgrund der hervorragenden Publikumsresonanz als goldrichtig. Es hat viel Zeit gekostet, den Wagen in seinem schlichten wie repräsentativen Unterschlupf in seiner ganzen Pracht zu fotografieren. Zu zahlreich umringten pausenlos die Besucher den Stand. Die Präsentation dieses Wagens hätte nicht in vollem Umfang ihre Publikumswirksamkeit entfaltet, wenn man dieses Prachtstück nur in den Pausen zwischen den Läufen hautnah bewundern hätte dürfen. Doch die „Rennflosse“ kehrt zurück und wird dann sein ganzes Potential nicht nur ausschöpfen, sondern den Besuchern eindrucksvoll und nachhaltig demonstrieren. Am 21. Oktober 2012 findet der nächste Einsatz, dann in ekstatischer Bewegung, auf der Nordschleife statt.



220 SE in Rennausführung für den FHR-Langstreckencup

Den Abschluß eines geglückten Rennwochenendes bildete der Lauf der Rennwagen aus den 20er- und 30er-Jahren, den sog. „Roaring twenties and golden thirties“, um die Kensington-Trophäe. Den wagemutigen Piloten zuzuschauen, wie sie ihre Vorkriegsboliden, darunter so klangvolle Namen wie Delahaye 135S, Aston Martin Speed Ulster oder BMW 328 Frazer Nash, um die Kurven wuchteten, konnte wahre Begeisterungsstürme auslösen. Wie gut hätte da ein W125 oder W154 ins Feld gepasst? Die Vorstellung, einen davon, pilotiert vom großen Jochen Mass, in der Kurve zu Start und Ziel mit einem gekonnten Drift ankommen zu sehen, wäre die Krönung gewesen. Vielleicht im nächsten Jahr?


Zwar kein Vorkriegsrenner doch ein würdiger Erbe derselben

So bleibt zu resümieren, daß über 50000 Motorsportbegeisterte am vergangenen Wochenende den Ring „heimsuchten“, um sich dem Geruch, dem Klang und den Formen historischer Rennfahrzeuge hinzugeben und den Artefakten zu huldigen, die sich einst anschickten, die Motorsportwelt zu erobern. Darunter um die 160 Mercedes-Benz-Clubmitglieder, die rund 75 Fahrzeuge in die Eifel mitgebracht hatten und in der Mercedes-Benz-Lounge im zweiten Stock über der Boxengasse nicht nur eine professionelle Anlaufstelle sondern auch einen unverwechselbaren Blick über die Start- und Zielgerade genießen durften.


Blick von der Mercedes-Benz-Lounge über die Start- und Zielgerade

Weitere Impressionen der Veranstaltung:


Der Isdera Imperator mit AMG-Motor. Der einzige nicht im Werk enstandene Wagen, der den Stern tragen darf. Die Anleihen vom C111 sind unübersehbar


Der 220SE im Renntrimm unterm Pavillon


Auch Aston Martins wollen standesgemäß und mit Stil transportiert sein


Kleines Rätsel: Wer findet den Flügeltürer?


Umfassend restaurierter Unimog zum Verkauf


In Reih’ und Glied aufgestellte Vorkriegsboliden warten im historischen Fahrerlager auf ihren Einsatz


Blick von oben in die Boxengasse


300SE in Rennausführung