Alles Gute zum 90., Eugen Böhringer!

Am 22.01.2012 feierte der Rallye-Europameister von 1962 und Langstreckenrennfahrer Eugen Böhringer seinen 90. Geburtstag und Mercedes-Benz lud ins eigene Museum ein, um dem Mann, der das Image der Zuverlässigkeit der Marke in den 60er-Jahren maßgeblich durch seine zahlreichen Erfolge prägte, die Ehre zu erweisen.

Unter den rund 80 geladenen Festgästen des schwäbischen Haudegens befanden sich viele seiner ehemaligen Weggefährten, um ihm persönlich die Hand zu reichen: Ewy Baronin von Korff-Rosqwist, Hans Herrmann, Eberhard Mahle, Klaus Kaiser, Rolf Knoll, Herbert Linge und Peter Lang.

Eugen Böhringer vor seiner "Rallye-Pagode"
Eugen Böhringer vor seiner „Rallye-Pagode“.
Foto: Mario De Rosa

Doch nicht nur 90 Jahre schwäbischen Schalks, den sich der Jubilar stets bewahrt hatte, waren zu feiern, im Jahr 2012 jährt sich auch die Geburt einer Automobillegende; zwar nicht zum 90sten, doch immerhin zum 60sten Male: der 300 SL – Inbegriff betörender Formensprache und Sinnbild für Rennerfolge am laufenden Band. Der am 24.01.2012 offiziell für die Besucher zugängliche Collectionsraum 5 mit dem Titel „Zeitlos“ widmet sich ausschließlich dem Sportklassiker  beherbergt eine ganze Reihe besonderer SL-Typen. Unter ihnen beispielsweise die Fahrgestellnummer 11 der Baureihe W194 oder der 300SL-Prototyp mit Kunststoffkarosserie. Diese gaben einen würdigen Rahmen für die Festgäste ab.

Auch Eugen Böhringer hatte genügend Gelegenheit, sich in seiner aktiven Zeit mit dem SL, dessen Kürzel entgegen der landläufigen Meinung nicht “Sport-Leicht”, sondern “Super-Leicht” bedeutet, wie der Leiter des Mercedes-Benz-Museums, Michael Bock, in seiner Ansprache klarstellte, auseinanderzusetzen. Der W113, im Volksmund auch Pagode genannt, war häufig das Arbeitsgerät des umtriebigen Schwaben und ist übrigens auch in der neuen Sonderausstellung zu besichtigen.

Michael Bock lüftete in seiner Laudatio auf den Jubilar das Geheimnis dessen Erfolges: Milch, viel Traubenzucker und ein Schuß Rum hielt die Müdigkeit vom Fahrer während anstrengender Etappen ab. Eugen Böhringer schelmisch auf die Frage, wie denn das Mischungsverhältnis des von ihm genannten „Zaubertrankes“ war: „Von allem die Hälfte!“, bevor er, sichtlich bewegt seinen ehemaligen Rennmonteuren dankte und Daimler-Benz-Entwicklungsingenieur Prof. Friedrich Nallingers mahnende Worte vor den Rennen im breitesten schwäbisch mit den Worten zitierte: „Buaba, passet auf, daß nix passiert und wenn’r gwennat, isch au et schlimm!“

Ewy Rosqwist, einst mit Ursula Wirth als Beifahrerin eines der erfolgreichsten Damenteams des Rallyesports, und Klaus Kaiser, Beifahrer Eugen Böhringers, unterhielten die Geburtstagsgäste beim Mittagessen mit launigen Anekdoten. Bei dieser Gelegenheit räumte Klaus Kaiser auch gleich mit einer Mär auf, die Eugen Böhringer selbst in Umlauf brachte: Bei der Rallye Lüttich-Sofia-Lüttich 1963 überschlugen sich die beiden mit ihrem 220SE, konnten die Fahrt jedoch fortsetzen. Anschließend flog eine Taube durch das Loch in der Windschutzscheibe, was der Rallyepilot nach dem Rennen als Anlaß des Unfalls angab. So kannte und kennt man ihn – als Synonym des Spitzbuben. Trotz Überschlags und Taube auf dem Rücksitz wurden die beiden noch Gesamtsieger der Rallye.

Rolf Knoll unterhält die Gäste mit einer Anekdote über die Taube auf dem Rücksitz. Im Hintergrund Ewy Baronin von Korff-Rosqvist.
Rolf Knoll unterhält die Gäste mit der Anekdote über die Taube auf dem Rücksitz. Im Hintergrund Ewy Baronin von Korff-Rosqvist.
Foto: Mario De Rosa

Wer ist Eugen Böhringer und was machte ihn, abgesehen vom „Zaubertrank“ so erfolgreich? Hans Herrmann ist überzeugt davon, daß der am 22. Januar 1922 auf dem Stuttgarter Rotenberg geborene Sohn eines Gastwirtes ein Ausnahmetalent auf Schotterpisten und unbefestigten Wegen ist. Ihm konnte man in unwegsamem Gelände nichts vormachen. Spät erst fühlte sich Eugen Böhringer zum Rallyesport berufen. Seine Eltern hatten für ihn eine Karriere als Koch vorgezeichnet, da er einst das elterliche Hotel nebst Restaurant übernehmen sollte, was auch 1952 der Fall war. Erst 1958, mit 36 Jahren, heute undenkbar, steigt er durch eine Wette in den Motorsport ein. Er ist der felsenfesten Überzeugung, das Geschicklichkeitsturnier des Untertürkheimer Motorsportclubs mit seinem privaten Mercedes-Benz 219 (W105) für sich entscheiden zu können, und gewinnt die Wette. Nach weiteren Erfolgen wird die Mercedes-Benz-Rennabteilung auf Böhringer aufmerksam und verpflichtet ihn als Werksfahrer. Fortan werden der 220SE (W111), der 300SE (W112) und der 230SL (W113) seine ständigen Begleiter sein.

Er wird 1961 u.a. Klassensieger bei der Rallye Monte Carlo, der Deutschlandrallye sowie der Rallye Akropolis, was ihn zum Vize-Europameister von 1961 kürt. Das ist aber nur ein Vorgeschmack dessen, was uns der „Pistenschreck“ sonst noch zu bieten hat. 1962 wird sein Jahr. Er gewinnt die Rallye Akropolis und die Polen-Rallye, wird jeweils Zweiter bei der Rallye Monte Carlo und der Deutschlandrallye, wird fünfter bei der Rallye zur Mitternachtssonne. Mit Kopilot Hermann Eger gewinnt er die prestigeträchtige Langstreckenfahrt Lüttich-Sofia-Lüttich, die sie über 5000 Kilometer mit einem weitgehend serienmäßigen 220SE (W111) nach Bulgarien und wieder zurück führt. Der Bundespräsident verleiht Böhringer für sein überragendes Jahr das Silberne Lorbeerblatt.

Eugen Böhringers 230SL aus dem Jahre 1963, mit dem er die Rallye Lüttich-Sofia-Lüttich gewann.
Eugen Böhringers 230SL aus dem Jahre 1963, mit dem er die Rallye Lüttich-Sofia-Lüttich gewann.
Foto: Mario De Rosa

1963 schlägt die Stunde des 300SE (W112). Eugen Böhringer pilotiert die „große Flosse“ erfolgreich bei der Rallye Akropolis und der Deutschlandrallye. Beide Wettbewerbe kann er für sich entscheiden. Im Spätherbst nimmer er, wieder mit dem 300SE,  am Großen Straßenpreis von Argentinien für Tourenwagen (Gran Premio International de Turismo di Argentina) teil und wird Gesamtsieger. Im selben Jahr debütiert das Rallye-As auch auf dem aktuellen SL, der „Pagode“. Er fährt gemeinsam mit Klaus Kaiser den 230SL aus der Baureihe W113 erfolgreich bei dem Marathon Lüttich-Sofia-Lüttich aufs oberste Treppchen.

1964 wagt sich Eugen Böhringer auch auf den Rundkurs und kann wiederum beeindrucken. Siege beim Großen Preis der Tourenwagen auf dem Nürburgring, erneut beim Großen Straßenpreis von Argentinien sowie beim Großen Preis für Tourenwagen in Macao/Hongkong, bei dem er nebenbei einen neuen Streckenrekord aufstellt, sprechen eine deutliche Sprache. Fast schon zur Randnotiz verkommen da die Klassensiege beim Sechs-Stunden-Rennen im britischen Brands Hatch und der Rallye Monte Carlo.

1965 wird sein letztes Jahr. Nachdem sich Mercedes-Benz aus dem Rallyesport zurückgezogen hat, setzt er sich ans Steuer eines Porsche 904 GTS um noch einmal bei der Rallye Monte Carlo zu starten und wie könnte es anders sein, er holt den Klassensieg und den zweiten Platz in der Gesamtwertung.

Gruppenbild mit Dame. V.l.n.r. Ewy Baronin von Korff-Rosqvist, Eugen Böhringer, Rolf Knoll, Dr.Peter Lang, Eberhard Mahle.
Gruppenbild mit Dame. V.l.n.r. Ewy Baronin von Korff-Rosqvist, Eugen Böhringer, Rolf Knoll, Dr.Peter Lang, Eberhard Mahle.
Foto: Mario De Rosa

Fortan kümmert sich Eugen Böhringer um das Hotel auf dem Rotenberg, seine Frau und seine vier Kinder.

Den Schalk im Nacken hat sich der sympathische Schwabe bis heute bewahrt und macht ihn dadurch noch immer zu einem unwiderstehlichen Gesprächspartner – zum Glück und hoffentlich noch für sehr lange Zeit!