Haftung der Werkstatt nach Ablösen eines montierten Rades mit Winterreifen

ADAC3-150x1501Schon lange beschäftigt die Gerichte die Frage, ob Werkstätten nach einem Reifenwechsel den Kunden darauf hinweisen müssen, die Radmuttern nachziehen zu lassen. Nun liegt wieder eine aktuelle Gerichtsentscheidung vor, die eine derartige Hinweispflicht bejaht:

Nach dem Urteil des LG Heidelberg vom 27.7.2011, Az.: 1 S 9/10, muss die Werkstatt, die einen Reifenservice anbietet, ihre Kunden auf die Notwendigkeit des Nachziehens der Radschrauben nach 50 – 100 km Fahrtstrecke aufmerksam machen.

Im zugrunde liegenden Fall löste sich eines der am Fahrzeug des Kunden montierten Räder nach einer Fahrstrecke von knapp 2.000 km. Der Kunde verklagte daraufhin die Werkstatt auf Ersatz des dadurch entstandenen Schadens in Höhe von 4.437,67 Euro. Die Werkstatt wurde daraufhin zum Schadensersatz verurteilt. Dem Kunden wurde jedoch 30 % Mitver-schulden angerechnet, da das allmähliche Lösen des Rades nach Auffassung des Sachverständigen sowohl akustisch als auch durch ein verändertes Fahrverhalten hätte bemerkt werden müssen. In diesem Falle hätte ein verständiger Fahrer unverzüglich zur Kontrolle in die Werkstatt fahren müssen.

80347-30-kopieNeu an der Entscheidung des LG Heidelberg ist, dass ein bloßer Hinweis auf der Rechnung zur Notwendigkeit des Nachziehens der Radmuttern nicht ausreicht. Vielmehr genügt die Werkstatt ihrer Hinweispflicht nur dann, wenn sie den Hinweis mündlich erteilt oder den schriftlichen Hinweis dem Kunden so zugänglich macht, dass unter normalen Verhältnissen mit einer Kenntnisnahme zu rechnen ist. Davon ist jedoch nicht auszugehen, wenn sich der entsprechende Hinweis erst unter einer etwaigen Unterschrift auf einer Rechnung befindet. Der Kunde muss letztlich nur das lesen, was oberhalb der Unterschrift steht. Anlass, weiter zu lesen, besteht dagegen grundsätzlich nicht. Die Werkstatt genügt ihrer Hinweispflicht nur dann, wenn der Hinweis optisch derart hervorgehoben ist, dass er bereits beim Prüfen bzw. Unterschreiben der Rechnung derart ins Auge springt, dass er zur Kenntnis genommen werden muss. Hierzu reicht es aus, wenn sie einen gut sichtbaren Aufkleber im Innenraum, an der Windschutzscheibe oder am Außenspiegel anbringt.

Die Entscheidung befasst sich nicht mit der Frage, ob ein derartiger Hinweis zu einem prinzipiellen Haftungsausschluss der Werkstatt führt, falls nach der Reifenmontage ein Schaden auftritt. Nach Auffassung der Juristischen Zentrale reicht ein solcher Hinweis hierfür jedoch nicht aus.

80347-34-kopieFür den Kunden ergibt sich daher bei Auftreten eines Schadens nach einer Reifenmontage durch das Lösen eines Rades stets die Möglichkeit, zu einem Schadensersatzanspruch gegen die Werkstatt zu gelangen, wenn die Werkstatt den Kunden nicht genügend auf das Nachziehen der Radmuttern hingewiesen hat. Dieser Anspruch be-steht immer und unabhängig davon, ob der Werkstatt ein Verschulden bei der Montage nachgewiesen werden kann oder nicht. Entscheidend ist alleine, ob ein solcher Hinweis seitens der Werkstatt in richtiger Weise erfolgt ist oder nicht. Dies ist z. B. nach der hier dargestellten Entscheidung des LG Heidelberg nicht der Fall, wenn der Hinweis auf der Rechnung nach der Unterschrift erfolgt.

Aber selbst dann, wenn die Werkstatt den Kunden ausreichend auf das erforderliche Nachziehen der Radmuttern hingewiesen hat, gibt es noch eine Möglichkeit für den Kunden, zu einem Schadensersatzanspruch zu kommen, nämlich dann, wenn feststeht, dass die Reifenmontage mangelhaft war und der Werkstatt ein Verschulden zur Last gelegt werden kann. In diesem Fall haftet die Werkstatt, auch wenn sie den Kunden richtig auf die Erforderlichkeit des Nachziehens der Radmuttern hingewiesen hat.

Nach Auffassung der ADAC Fahrzeugtechnik ist bei einem Reifenwechsel und einer ordnungsgemäß vorgenommenen Befestigung der Radmuttern nicht damit zu rechnen, dass diese sich anschließend im Fahrbetrieb lösen. Ein Nachziehen ist daher grundsätzlich technisch nicht erforderlich. Unter Berücksichtigung dieses Standpunktes würde ein Hinweis auf ein Nachziehen folglich nicht dazu dienen, um ein technisch nicht anders zu verhinderndes Ereignis zu vermeiden (Selbstlockerung der Radmuttern), sondern nur, um der Werkstatt die Möglichkeit zu geben, einen Montagefehler (nicht ordnungsgemäß angezogene Radmuttern) zu beheben. Dann wäre der Hinweis auf das Nachziehen der Radmuttern lediglich der nicht hinzunehmende Versuch, das Risiko eines Montagefehlers auf den Auftraggeber zu verlagern.

Im Schadensfall sollte nach Ansicht des ADAC auf jeden Fall ein Montagefehler gerügt werden. Wenn Sie noch weitere Fragen rund um das Thema haben, helfen Ihnen die Clubjuristen unter der Rufnummer (0 89) 76 76 – 24 23 gerne weiter.

Mit freundlichen Grüßen Dr. Markus Schäpe Leiter Juristische Zentrale